Über Nacht ist der Wind stärker geworden; er drückt gegen die Fenster. Regen schon seit Tagen. Es ist irgendwas gegen 6.
Beim Packen meiner Sachen streiche ich über das sorgfältig zurecht gelegte Sakko und bemerke zum ersten Mal die feine Struktur des schwarzen Cords. Ich erlebe das alles immer wieder. Es wiederholt sich, nur die Schatten fallen jedesmal anders. Und das Licht. Eine Reise ins Ungewisse mit Fremden am Steuer, die darauf vertrauen, dass ich funktioniere – in der entscheidenden Sekunde das Richtige zu tun, nicht zögere, um nichts zu verpassen.
Ich lese Menschen. Und das vermutlich mein ganzes Leben lang schon. Ich gebe dem Licht Raum. Es gibt diesen einen Moment der absoluten Stille, in dem ich in einem leeren Saal kurz, nur ganz kurz, meine Augen schließe, tief durchatme und mir einrede, alles werde gut. Den unerschütterlichen Glauben daran habe ich nie verloren.
Ein Feld wird nie mehr wie ein Feld aussehen, eine Straße nie mehr wie eine Straße. Ich mache ein Polaroid des Jetzt. Tausendfach, jeden Tag von Neuem und übersetze die Welt in Licht und Schatten – nichts ist einfach nur da.
Mein Blick streift langsam über die Köpfe der Gesellschaft, die sich im Hochglanz-Flügel-Deckel spiegeln. Sie schauen auf ihre Handys, legen den Kopf entspannt in den Nacken und sind in Gedanken bereits bei Kaffee und Kuchen, der großen Torte, dem kühlenden Bier an einem dieser heißen Tage, in denen das Licht besonders sanft fällt und selbst hohe Räume flutet.
An denen ich in den Augen der Braut nach diesem einen Funken suche, der das „Ja“ erklärt und auch das Warum. Ich erkenne den Mann, der nur darauf gewartet hat ihr in der Abendkühle sein Jackett umzulegen, weil er als junger Mann einst davon geträumt hat. Ich sehe die unsichtbaren Linien der Vergangenheit in diesem einen Moment zusammenlaufen. Ich bin im Hier und sehe das Blitzen der Lichter, das Dauerfeuer und im 250. Teil einer Sekunde friert die Welt vor mir ein.
Ich habe in so viele Gesichter geschaut, in falsche, in ehrliche. In die glücklichen. In die, die wussten, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Ihr Foto – ein letztes Zeugnis ihrer Existenz. Ich habe gelernt, Menschen in dem Bruchteil einer Sekunde zu erfassen. Ihre Wahrhaftigkeit, ihre Schönheit, all ihr Zweifeln, ihr Rasten und Ruhen. Ihr Suchen nach Glück und ihre Brüche. Mit der Zeit werden Gesichter immer zu glatten Spiegeln, in deren Ausdruckslosigkeit ich permanent Antworten für mein Selbst suche.
Und manchmal ist es wie eine Zeitlupe unter dem Vergrößerungsglas – die lachenden Menschen, die ihren Kopf immer langsamer drehen und endlich einfrieren. Einen Moment später sind sie nur
eine Erinnerung entfernt,
und eine Erinnerung,
eine Erinnerung,
Erinnerung.
© Roman Koryzna.
