Über gestapelte Schulbänke auf heißem Asphalt, die Aschenbecher-Brille von Frau Rettig und das leise Gefühl von Abschied, das wir mit elf Jahren noch nicht buchstabieren konnten.

Kehraus.

Im Sommer 1992 kündigte sich sowohl für mich als auch für meine damaligen Klassenkameraden ein Schulwechsel an – ein altes System wurde gegen ein neues ausgetauscht, und wir waren mittendrin. Wir wussten, dass wir uns nie wieder über den Schulhof jagen, nie wieder gemeinsam über blöden Klamauk lachen würden. Niemand hatte uns gefragt – man riss uns einfach auseinander. Wir waren 11 oder 12 Jahre alt und noch viel zu jung, um zu begreifen, dass wir im späteren Leben vielleicht nie wieder so gute Freunde finden würden wie damals.

Einen Tag vor den Sommerferien beauftragte uns unsere Klassenleiterin Frau Rettig, die Klassenräume leer zu räumen. Frau Rettig sah aus wie eine Bibliothekarin. Sie trug eine Brille mit bunten Ornamenten an den Bügeln und Gläsern, so dick wie Aschenbecher, die ihre Augen auf Pfenniggröße schrumpfen ließen. Gesichert durch ein Brillenband um den Hals schützte sie ihr Sehhilfe-Exemplar vor dem Herunterfallen – denn ohne sie hätte sie bei ihrer starken Sehschwäche wahrscheinlich nie wieder zurück in die Welt gefunden.

Nun schleppten wir also die ausgemusterten Tische und Stühle auf den Schulhof. Uns erfüllte ein stolzes Gefühl: Wir Großen schafften Platz für die Kleinen, die nach uns kommen würden. Nach jeder Schulbank, die wir draußen aufeinanderstapelten, klatschten wir uns hochmotiviert ab – mit roten Köpfen und verschwitzten Haaren. Ab und zu betrachteten wir die tiefsinnigen Botschaften, die in so mancher langen Mathestunde mit allen erdenklichen Gegenständen in das Holz gekritzelt worden waren.

Nach dem großen Kehraus saßen wir Jungs, völlig geschafft, auf der Eingangsstufe unserer Schule. Wir feixten und waren genau so, wie wir immer waren. An die Inhalte unserer Runde kann ich mich heute nicht mehr erinnern, aber ich weiß: Wir waren glücklich und stolz. Und dennoch war da dieses leise Gefühl von… Abschied. Wir spürten es, konnten es aber noch nicht begreifen – und waren viel zu cool, um es uns anmerken zu lassen.

In einem Film würde man nun wahrscheinlich jeden einzelnen Jungen langsam ausblenden, bis nur noch zwei oder drei da sitzen. Schließlich bliebe der Schulhof in der Totalen gänzlich leer zurück – bis auf die gestapelten Schulbänke natürlich.

Das neue Schuljahr begann und ich fand neue Wegbegleiter. Doch diesen Zauber der Freundschaft habe ich in dieser Form und Intensität nie wieder erlebt. Heute habe ich zu keinem der Jungs mehr Kontakt. Sie alle sind mittlerweile bestimmt selbst Väter und geben ihre Lebensweisheiten weiter. Womöglich erzählen auch sie von damals. Es wäre schön, wenn das die Früchte jener Jahre wären.

Die Magie der Kindheit besteht im Wesentlichen aus zwei Dingen: Man kann alles sein, was man möchte, und man glaubt fest daran, dass die Zeit niemals endet. Alles wirkt groß und unendlich (und die Tage bis Weihnachten ziehen sich ewig!). Als Kind denkt man nicht an die Zukunft – man lebt im Hier und Jetzt, ohne Gedanken an das, was sein könnte, würde oder sollte.

Aus heutiger Sicht weiß ich natürlich, dass alles Schöne irgendwann endet und alles seine Zeit hat. Ich wünschte mir nur, dass wir uns als Erwachsene ein Stück dieser Fähigkeit bewahrt hätten, die wir als Kinder hatten: das Schöne intensiv zu erleben, zu genießen und daran zu glauben, dass es für immer bleibt.

© Roman Koryzna.