Über den kalten Rauch der Gegenwart, den Duft von Koks und Tabak und ein geheimes Einverständnis, das die Zeit überdauert hat.

Camel.

Freitagabend. Supermarkt. Kasse 7. Die einzige, deren Zahlenschild leuchtet. Vor mir steht eine, sagen wir, betagte Dame, von der man meinen könnte, sie würde direkt in einem Räucherofen wohnen. Ihr Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand sind auffällig gelb verfärbt wie auch ihre Haare. Sie sieht sich nicht um, sie erfasst die Menschen nicht – die Welt um sie herum ist ihr völlig gleichgültig. Auf die Frage der Kassiererin, ob sie eine dieser Bonus-Karten zum eifrigen Punktesammeln habe, bekommt diese nur ein „Nee“ entgegen gemault. Und dann auf einmal, beginnt sie zu sprechen und es ist genau die Stimme, die zu ihren Fingern, ihren Haaren und ihrem Duft passt: „ne Camel noch!“. Camel… eine Schachtel mit dem Kamel und den Pyramiden springt der Räucherdame beherzt entgegen. Camel, ich muss schmunzeln – erinnern mich doch diese Zigaretten an etwas, was schon länger, verstaubt, in den Kisten meiner Erinnerung schlummerte.

Es war meines Vaters letzter Arbeitstag vor dem Sommerurlaub. Er meinte, er müsse noch mal auf Arbeit und ob ich mitkommen wolle. Na klar wollte ich. Er war Kunstschmied und für einen Zehnjährigen wie mich war sein Arbeitsplatz wie ein Bildnis von Hieronymus Bosch. Na gut, ich übertreibe! Wobei…
Große Metallteile lugten überall hervor – hochpoliert, verrostet, in allen möglichen Formen. Schwarzer Ruß klebte an den Wänden und der Geruch von Metall und Koks hing schwer in der Luft. Hier wurde gearbeitet – körperlich zehrend und schwer, aber auch kreativ. Es wurde nicht nur gearbeitet – es wurden Skulpturen erschaffen, Denkmäler für die Ewigkeit. Ich traute mich nie so recht, die Dinge dort anzufassen; zu bedrohlich wirkte das spitze, scharfkantige Metall, aber auch zerbrechlich schön, wenn es aufpoliert war wie ein Spiegel.
Ich ging um die Werkbänke herum und sah sie im erkalteten Kokshaufen liegen: eine kleine Schachtel, sie war beige-gelb und auf der Front stand ein kleines Kamel vor einer Pyramide. Das war es! Die Tore zu meiner Faszination waren weit geöffnet, wie wahrscheinlich auch meine Augen. Ich nahm die Schachtel an mich und musterte sie – was für ein unsagbar schönes kleines Etwas. Nun ja, ich weiß, während ich diese Zeilen schreibe, wie seltsam das klingt. Aber für einen Zehnjährigen, der so etwas noch nie zuvor gesehen hatte, war das etwas ganz Zauberhaftes: eine leere Schachtel Filterlose-Camel-Zigaretten. Wie schön bunt sie war.

Ich beschloss, sie mitzunehmen. Meine Hosentaschen boten Platz genug für diesen Schatz; ich musste nur aufpassen, dass ich sie nicht zerdrückte und somit das Zusammenspiel aus Form, Kamel und Pyramide zerstörte. Ich griff also in den Kokshaufen und steckte die Schachtel ein. Mein Vater rief mich, wir fuhren heim – Kamel und Pyramide waren mit dabei. Ich erzählte es meinem Vater nicht. Seine wahrscheinliche Reaktion darauf wollte ich nicht hören und sie hätte mir bestimmt auch nicht gefallen.

Noch an jenem Abend bepackten wir das Familienauto mit Taschen und Koffern für den Urlaub. Während mein Vater die nächsten Taschen holte, griff ich in meine Hosentasche, um die Schachtel herauszuholen. Unten im Haus wohnte Frau Kummer, sie schaute gern und regelmäßig aus dem Fenster. Ihre Arme lagen dabei immer ruhend auf dem Fensterbrett und so beugte sie sich für Stunden aus dem Schlafzimmerfenster und sorgte so im Hof für Ordnung. Ihr mahnender Blick hatte bei uns Kindern immer eine gewisse Priorität.
Ich bemerkte ihren bohrenden Blick in jenem Moment nicht, als ich die kleine Schachtel mit dem Kamel und der Pyramide aus meiner Hosentasche zog. Ich roch daran und der Geruch von Tabak flutete meine zehnjährigen Lungenflügel.

Ich vernahm hinter mir ein schweres Räuspern und erkannte den Klang von Frau Kummers Stimme. „Na na na, junger Mann!“, so begann sie.
Ich drehte mich um und alles Blut in meinem Körper schoss in meinen Kopf. Wie erkläre ich nun Frau Kummer, dass ich diese Schachtel nur wegen des Kamels und der Pyramide aus dem Kokshaufen mitgenommen habe? Wie zerstreue ich ihren Gedanken, dass ich ein zehnjähriger Kettenraucher bin, der nur auf die Abwesenheit seiner Eltern wartet, die mühevoll das Auto für den Sommerurlaub packten, damit ich mir endlich eine Fluppe anstecken konnte? Kurzgesagt: Ich war verloren. Frau Kummer hatte mich erwischt. Bei was eigentlich?

Schuldbewusst gab ich ihr die Schachtel mit gesenktem, rotem Kopf – sie streckte mir ihre Hand demonstrativ entgegen. Sie schaute hinein und sagte: „So so, schon leer, wie!“
Ich nickte, was anderes fiel mir nicht ein. Natürlich: Ich hätte ihr ja sagen können, dass sie schon leer war, als ich sie im Kokshaufen gefunden und eingesteckt habe, aber das kam mir in dem Moment nicht in den Sinn und schon gar nicht über meine Lippen. Sie hat mich nie verraten oder meine Eltern entsetzt zu sich gerufen. Es blieb für immer unser stummes Geheimnis.

Aus heutiger Sicht war es nichts weiter als ein Stückchen weggeworfener Zivilisationsabfall, den ich da aus dem Dreck gezogen hatte. Für mein zehnjähriges Ich aber war es so etwas wie ein kleiner Ausguck in die weite Welt.

Das Wohnviertel meiner Kindheit wurde vor einigen Jahren dem Erdboden gleich gemacht und der Natur zurück gegeben. Frau Kummer gibt es schon lange nicht mehr. Soweit ich mich erinnern kann, blieb ihr Fensterplatz dann doch recht plötzlich leer.
Ich weiß nicht, ob es ausgerechnet dieses Erlebnis war, das mich nachhaltig dazu veranlasst hat…„JUNGER MAHANN, hallo, solln’s noch Zigaretten sein? Ich war ganz gedankenversunken bei Frau Kummer und der Camel-Schachtel, dass ich vermutlich wie gebannt auf die Zigarettenauslage starrte! Die Dame vor mir, die noch ihre Ware in Tüten verpackte schaute mich nebst Kassiererin fragend an. Mit einem „Nein danke, ich rauche nicht.“, antwortete ich ihr lächelnd.

© Roman Koryzna.